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Wie geht es nach dem erfolgreich bestandenen ersten Staatsexamen weiter?

By 20. Januar 2017 No Comments
karriere JurCase

Referendariat, LL.M. oder Promotion?

Für die meisten Jurastudenten teilt sich das Leben in das Leben vor und das Leben nach dem Staatsexamen ein. Ersteres ist bis auf den letzten Tag geplant und Letzteres weitestgehend unklar. Es versteht sich doch von selbst, dass man sich keine Gedanken über eine Zukunft macht, die von einem Ergebnis abhängt und bis dahin gar nicht so wahrscheinlich erscheint. Aber alle Zukunft ist im Endeffekt unklar und wir schmieden nichtsdestotrotz den einen oder anderen Plan für das, was bevorsteht. Der weitere berufliche Werdegang nach dem Examen sollte dabei keine Ausnahme machen.

Am häufigsten entscheiden sich die meisten Juristen nach dem Bestehen des ersten Staatsexamens auch heute immer noch direkt für einen direkten Sprung in das Referendariat und in die Vorbereitung auf das Assessorexamen. Ist das aber der einzige Weg? Nicht wirklich. Die Mehrheit, die diesen Weg beschreitet, tut es überwiegend aufgrund fehlender anderweitiger Vorhaben, da sie es sich nicht rechtzeitig überlegt hat, wie es genau nach dem Examen weitergehen soll, aber auch keine Zeit in Nachdenken verlieren will. Das heißt jedoch nicht, dass es keine anderen Möglichkeiten gibt.

Als erste Alternative zum Referendariat steht der akademische Weg zur Verfügung, denn man darf mit einem erfolgreich abgelegten ersten Examen promovieren. Hier liegt die Betonung allerdings auf „erfolgreich“, weil dies auch nicht ohne Weiteres erreichbar ist. Wie in den Großkanzleien verlangen die meisten Institute und Lehrstühle von den Bewerbern um eine Promotionsstelle bereits eine vollbefriedigende Examensnote. (Manchmal drückt man wohl das Auge vor einer niedrigeren Note zu, aber das ist relativ selten und nur der Fall, wenn man bereits zuvor den jeweiligen Professor, bei dem man promovieren möchte, auf die eine oder andere Weise beeindruckt hat bzw bei diesem bekannt ist. Dies darf in Jura jedoch eher die Ausnahme sein, es sei denn man war als studentische Hilfskraft im jeweiligen Institut angestellt oder teilte ein anderes gemeinsames Arbeitsfeld mit dem Professor). Erfüllst Du aber die Voraussetzungen und hast es nicht zu eilig mit dem zweiten Staatsexamen, lohnt es sich, die Promotion zu überlegen. Ein Doktortitel ist in einer jeden juristischen Karriere, egal in welchem Bereich, nur von Vorteil, geschweige denn eine Gelegenheit, später sogar eine Professur anzustreben, wenn dies einen interessieren soll. Auch in Großkanzleien und großen Bundesbehörden sowie internationalen Organisationen ist eine Promotion sehr angesehen und kann Dich direkt in die engere Auswahl nach einer Bewerbung platzieren. Kleiner Tipp: eine vollbefriedigende Note ist auch an ausländischen Instituten nicht so ernst von Bedeutung wie an den einheimischen.

Einen ähnlichen Karriere-Booster stellen die LL.M.-Programme. Das LL.M. ist ein international anerkannter juristischer Master-Abschluss, der regelmäßig auf Englisch erfolgt und von einer internationalen Ausrichtung der eigenen Jurakenntnisse sowie guten fremdsprachlichen Kenntnissen zeugt. Dieser Titel wird deswegen in Großkanzleien, die i.d.R. international tätig sind, genauso gut angesehen. Im Vergleich zum einheimischen Jurastudium fällt dieser Abschluss einem deutschen LL.M.-Kandidaten auch häufig gar nicht so schwer, bereitet danach aber die eine oder andere berufliche Möglichkeit. Der Nachteil eines LL.M.-Programms ist jedoch die finanzielle Seite, da die am besten angesehenen LL.M.-Abschlüsse aus den Universitäten stammen, die einen guten internationalen Ruf genießen und entsprechend teuer sind, z.B. Oxbridge, Ivy-League-Universitäten etc. Die Hochschulausbildung ist im Allgemeinen im englischsprachigen Raum ziemlich kostspielig, aber LL.M.-Abschlüsse aus diesen Hochschulen werden trotz eines wachsenden Angebots an LL.M.-Programmen auch in nicht englischsprachigen Universitäten (z.B. in Frankreich oder in der Schweiz) in der beruflichen Welt immer noch besser gewertet. Wenn man selbst über die finanziellen Mittel nicht verfügt und kein Darlehen aufnehmen möchte, kann das Programm auch durch ein Stipendium teilweise oder vollständig finanziert werden. Förderer gibt es viele, nur muss man die finden und dann natürlich überzeugen.

Will man nach dem Examen erstmal eine Pause von Lernen und Klausuren einlegen und vielleicht eine praktische juristische Tätigkeit anschneiden, ist dies selbstverständlich auch eine Möglichkeit, insbesondere wenn man nicht einen klassischen juristischen Beruf wie Rechtsanwalt oder Richter anstrebt. Ein breites Spektrum an interessanten Beschäftigungen bieten internationale Organisationen und der diplomatische Dienst, die kein bestandenes zweites Staatsexamen verlangen und bei denen eine sehr hohe Examensnote nicht im Mittelpunkt der Auswahl steht, sondern die eigenen Fähigkeiten, die man im Rahmen des Auswahlverfahrens beweist. Dies bedeutet wohl nicht, dass es eine einfache Aufgabe ist, sich in diesem Bereich einen Job zu finden oder zur diplomatischen Ausbildung zugelassen zu werden, da besagte Auswahlverfahren i.d.R. äußerst streng sind. Im Vergleich zum zweiten Staatsexamen stellen sie jedoch auch kein schwierigeres Unternehmen dar. Hat man immer davon geträumt, Botschafter oder Diplomat zu werden, dann ist Jura ein sehr gutes Springbrett für eine solche Karriere. Warum? Zum einen ist man bereits daran gewöhnt, dass kein gutes Ergebniss von alleine kommt, und kann sich die Mühe geben, sich auf ein mehrstufiges, nicht leichtes Auswahlverfahren vorzubereiten. Zum anderen ist Jura ein außergewöhnlich fachübergreifender Studiengang, der einen guten Überblick über viele Lebensbereiche verschafft, was bei den Berufen mit internationaler Ausrichtung immer gefragt wird. Ein gutes Allgemeinwissen ist genau wie die Beherrschung einiger Fremdsprachen dort unerlässlich. Hinzu kommt noch, dass ein Juraabschluss noch ein gewisses Gewicht mit sich trägt, welchem die jeweiligen Stellen auch bewusst sind und gut in einem Auswahlverfahren bewerten. In welche Richtung man dann genau geht, ist einem allein überlassen. Eine Option ist die Bewerbung um die Aufnahme in die Ausbildung zum höheren diplomatischen Dienst am Auswärtigen Amt – dann arbeitet man auf internationaler Ebene, aber im Endeffekt für den eigenen Staat, den man im Verkeht vertritt. Eine weitere Option wäre die Bewerbung um einen Dienst in internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen und ihren Suborganisationen oder der EU z.B. Dort arbeitet man unabhängig vom Herkunftsland für die Organisation selbst und für keinen bestimmten Staat. So ein Beruf hat selbstverständlich eher mit dem Erstellen von Gutachten und mit Rechtsvergleichung und –fortbildung zu tun als mit Mandantentreffen und Rechtsanwendung, bietet jedoch eine dynamische und spannende Beschäftigung.

Geschäftstüchtige Menschen zieht nach einem Abschluss regelmäßig die Business-Welt an und sie würden gerne direkt in einem Unternehmen (wohl nicht als Unternehmensjurist) starten. Da zahlreiche Unternehmen für ihre freien höheren Posten nach Menschen mit wirtschaftlicher oder juristischer Ausbildung suchen (und der Arbeitsmarkt derzeit mit den ersteren ziemlich überflutet ist), stehen die Chancen gut, dass man auch mit weniger Erfahrung an einer ziemlich guten Stelle bei einem Unternehmen anfangen und dann karriereweise hochklettern kann. Es ist wohl nicht auszuschließen, dass Volljuristen (mit bestandenem zweitem Staatsexamen) bei vielen Unternehmen evtl. bessere Auswahlchancen haben. Die Anzahl an Volljuristen, die in Unternehmen und nicht in einer Kanzlei oder am Gericht arbeiten wollen, ist jedoch so gering, dass diese keine Sorgen bereiten sollen. (Für die ganz einfallsreichen und risikofreudigen besteht natürlich auch die Möglichkeit, ein eigenes Gewerbe zu gründen und eigene Geschäfte zu betreiben, und obwohl das wirklich exotische Ausnahmefälle sein dürften, ist das nicht weniger machbar).

Und das sind nur einige von vielen Möglichkeiten – es gibt zahlreiche Juristen, die sich für einen nicht klassisch juristischen Beruf entscheiden und mit dieser Entscheidung ganz gut, sogar ggf. besser als viele andere Juristen in Kanzleien und Gerichten, leben. Jura ist ein derart umfassendes Fach, dass es unter den wenigen ist, die die Tür zu einem unüberschaubar breiten Berufsspektrum eröffnen. Vor diesem Hintergrund ist es praktisch absurd, dass immer noch so viele Juristen mit ihrer aktuellen Beschäftigung unzufrieden sind. Das mag allerdings zum Teil auch an der Tatsache liegen, dass Juristen noch während ihres Studiums hinreichend über die unzählichen Möglichkeiten informiert werden, die sich ihnen nach dem Studium anbieten. Dementsprechend werden die meisten von uns in die juristische Routine fest verfahren, machen uns keine klaren Gedanken über die Zukunft, sondern kümmern uns nur um möglichst hohe Examensnoten und eine spätere Arbeit in einer möglichst renommierten Kanzlei oder an einem Gericht. Daher wird mit diesem Beitrag an alle Jurastudenten appelliert, rechtzeitig die diversen Karrierewege in Erwägung zu ziehen, die ihnen nach dem Studiumabschluss bevorstehen, etwa indem sie Jobmessen besuchen oder eigene Recherchen im Internet machen. Es gilt nur eins zu beachten – einen Beruf/Bereich anzustreben, der einen auch mindestens einigermaßen interessiert und einem ein wenig Spaß bereiten würde. Wir müssen nicht den Stereotyp leben, den uns Nichtjuristen aufdrängen, Jura sei langweilig, ganz im Gegenteil, wir müssen diesen brechen – nicht für die anderen, sondern für uns selbst.