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Dissertation oder Referendariat – Eine Entscheidungsfindung

Erfahrungsbericht: Dissertation oder Referendariat?

Eine nicht ganz so einfache Entscheidung

Ein Doktortitel verleiht nicht nur unter Juristen ein gewisses Ansehen, sondern auch bei potenziellen Mandanten. Aber auch bei Arbeitgebern wird der Titel gern gesehen. Dies allein sind gute Gründe für das Großprojekt Dissertation. Beide Gründe fielen freilich auch bei mir ins Gewicht, wenngleich mein Hauptgrund in meinem Ehrgeiz lag, mir – aber auch ein paar bestimmten anderen Personen – etwas zu beweisen. Ist der Entschluss erst einmal gefasst, stellen sich viele Fragen, sei es zum Inhalt oder zur Organisation. Bei Juristen ist eine der wohl am häufigsten vorkommenden organisatorischen Fragen diejenige, wann am besten mit der Dissertation begonnen werden sollte. Möglichkeiten dafür gibt es nämlich verschiedene, insbesondere nach dem

  • ersten Staatsexamen, aber noch vor dem Referendariat
  • ersten Staatsexamen und parallel zum Referendariat
  • zweiten Staatsexamen und berufsbegleitend
  • zweiten Staatsexamen, aber nicht berufsbegleitend.

Der Entschluss zur Promotion

Schon als Schüler wusste ich, dass ich studieren möchte, wenngleich das Fach noch nicht ganz feststand. Damit einhergehend war auch der Gedanke, irgendwann einmal Doktor zu sein, sehr reizvoll. Mit dem Studium der Rechtswissenschaft hat sich dieser Gedanke zunächst jedoch noch nicht konkretisiert. Dies vermochte erst mein Schwerpunktstudium in Strafrecht, Strafrechtspflege und Kriminologie. Vor allem die Thematiken Jugendstrafrecht und Kriminologie weckten mein Interesse. Die Möglichkeit einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit diesen Gebieten fand ich spannend, und auch ein entsprechender Doktortitel ist sicherlich förderlich, wenn ich in diesen Gebieten später tätig werden möchte. Dieser doch recht früh gefasste Entschluss erlaubte es mir schließlich auch, die universitären Voraussetzungen für die Promotion noch vor dem ersten Staatsexamen zu erfüllen. An der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz muss unter anderem mindestens ein Seminar mitsamt Seminararbeit mit „gut“, also mindestens 13 Punkten absolviert werden. Dazu wird ein Prädikatsexamen verlangt. Wer kein Prädikatsexamen aufweisen kann, muss ein zweites Seminar entsprechend absolvieren. Da ich leider nicht in die Zukunft schauen kann und deshalb nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob ich ein Prädikatsexamen schreiben würde, habe ich die beiden geforderten Seminare bereits vor dem Antritt zum Examen erfolgreich hinter mich gebracht. Schließlich ist das Studium dann doch der Zeitpunkt, in dem man in aller Regel noch am meisten Zeit für so etwas hat.

 

Dissertation oder Referendariat

Das Erfüllen der Anforderungen nach der Promotionsordnung während des Studiums hatte jedenfalls den Vorteil, dass ich mich nach dem ersten Staatsexamen direkt auf das Wesentliche konzentrieren konnte, namentlich auf die Frage, ob ich direkt mit dem juristischen Vorbereitungsdienst (Referendariat) oder erst in Ruhe mit der Doktorarbeit beginnen möchte. Von vielen Doktoranden habe ich gehört, dass bereits die Planung einer Dissertation viel Zeit in Anspruch nehmen kann. Ein zeitaufwendiges Kernelement ist das Dissertationsthema beziehungsweise die konkrete Forschungsfrage, die behandelt wird, denn hierbei handelt es sich schließlich um das Fundament der gesamten Doktorarbeit. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Themensuche selbst bis zu drei Monate oder sogar länger dauern kann – dies ohne parallel mit einem Referendariat zeitlich belastet zu sein. Danach folgen umfassende und zeitraubende Recherchen, nicht nur zum eigentlichen Thema, sondern auch zu relevanten Nebengebieten, damit ein ordentlicher Überblick gewährleistet wird. Allein deshalb habe ich mich dazu entschlossen, mich erst einmal für ein bis eineinhalb Jahre mehr oder weniger alleine auf die Dissertation zu konzentrieren und erst dann mit dem juristischen Vorbereitungsdienst zu beginnen. Diese Vorgehensweise gibt mir die Möglichkeit, so viel an Material zusammenzutragen und auszuwerten, dass ich parallel zum Vorbereitungsdienst mit dem Schreiben beginnen kann. Meine Doktorarbeit sieht eine Aktenauswertung vor, die im Rahmen der Strafrechtsstation durchgeführt werden soll. Bis zum Ende des Referendariats soll auch dieser Teil möglichst ausformuliert sein, sodass im Anschluss des Referendariats lediglich maximal sechs weitere Monate benötigt werden, um die Dissertation fertigzustellen. Zumindest ist dies der Schlachtplan, fraglich ist allerdings natürlich immer, ob die Umsetzung dann auch reibungslos verläuft.

 

Dissertation vs. Frustration und Motivationslosigkeit

Eine Doktorarbeit ist ein arbeits- und zeitintensives Projekt. Sicherlich schaffen einige wenige Doktoranden ihre Promotion innerhalb eines Jahres, dies allerdings nur bei einem insoweit geeigneten Thema sowie nur bei entsprechender finanzieller Absicherung und Disziplin, da in einem solchen Fall die Promotion zur Vollzeitarbeit wird. Meine Dissertation könnte sicherlich auch innerhalb eines Jahres behandelt werden, wären da nicht die Aktenauswertungen. Außerdem verfüge ich nicht über die finanziellen Ressourcen, sodass die Doktorarbeit leider zu oft der anderweitigen Arbeit weichen muss. Dies kann mitunter sehr frustrierend sein. Dieser Frust bleibt allerdings selten allein. Ein solches Großprojekt bringt nicht selten temporäre Selbstzweifel und zahlreiche weitere Schwierigkeiten wie Schreibblockaden oder ähnliches mit sich. Die Motivation leidet also regelmäßig. Der Frust wird umso größer, wenn aufgrund der Motivationslosigkeit wertvolle Zeit für die Dissertation verstreicht, ohne etwas Nennenswertes zustande gebracht zu haben beziehungsweise man zumindest das Gefühl hat, als sei dies so. Es kann zu einem Teufelskreis werden, zu einem Fass ohne Boden. Nicht wenige Doktoranden lassen sich von dem Frust verschlingen und brechen ihre Promotion ab. Dies muss aber nicht sein, denn der Frust kann bekämpft, die Motivation erhalten werden. Allem voran helfen fest geplante Auszeiten, die genutzt werden sollten, um einen Ausgleich zu schaffen, etwa durch Sport, Freunde etc. Daneben gehört Routine für viele zum Repertoire der Selbstmotivation. Es wird eine Gewohnheit beim Arbeiten geschaffen, etwa durch den immer gleichen Ablauf des Tages oder durch den stets gleichen Arbeitsplatz, der es vermag, eine konstruktive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Routine ist zwar schön und gut, hilft mir persönlich auf Dauer aber nur bedingt. Vielversprechender finde ich das Setzen von kleinen und erfüllbaren (!) Zielen, sei es lediglich eine gewisse Anzahl an Artikel zu lesen oder eine bestimmte Anzahl von Seiten zu schreiben beziehungsweise eher einen inhaltlichen Punkt abzuschließen. Sinn und Zweck ist es, dass diese Ziele erreicht werden, um dadurch ein Erfolgserlebnis zu haben und einen positiven Schub zu erhalten. Letztlich kann Selbstmotivation auch dadurch geschaffen werden, dass man sich vor Augen hält, wieso man sich überhaupt für das Dissertationsprojekt entschieden hat, etwa aufgrund eines genuines Forschungsinteresses („Ich muss das herausfinden!“), der besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt beziehungsweise des zu erwartenden höheren Gehalts etc. Ich finde, die Kombination macht’s, wenngleich dadurch nicht immer tatsächlich Motivation geschaffen werden kann. In solchen Fällen heißt es dann: Durchhalten! Es kommen wieder bessere Tage.

 

Bei der Abwägung Dissertation oder Referendariat muss die nicht ganz so einfache Entscheidung stets individuell getroffen werden. In den meisten Fällen ist eine kleine Auszeit zugunsten der Promotion sicherlich ratsam, da bereits die Planungsphase der Doktorarbeit recht zeitintensiv ist. Die weitere beziehungsweise eigentliche Arbeit ist nicht weniger zeitraubend, mitunter kann sie auch sehr frustrierend sein. In solchen Momenten müssen Mittel zur Selbstmotivation gefunden werden, da ansonsten ein Scheitern nicht auszuschließen ist. Letztlich heißt es jedenfalls Durchhalten!

 

Sebastian

– Doktorand und Referendar aus Hessen. Weitere Veröffentlichungen von Sebastian sind auf seinem Facebook-Blog zu finden.

 

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