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Alarm für Nero 12: Meine Nachtfahrt beim 2. Polizeirevier Wiesbaden

Sebastian Erfahrungsberichte zum Referendariat

Alarm für Nero 12: Meine Nachtfahrt beim 2. Polizeirevier Wiesbaden

Es ist sicherlich nicht nur der Traum eines (nahezu) jeden Kindes: einmal Polizist sein. Der juristische Vorbereitungsdienst macht dies in der Strafrechtsstation mit der sogenannten Nachtfahrt zumindest für eine Nacht möglich. Dieses Abenteuer wollte ich mir nach den positiven Erfahrungen bei der Hausdurchsuchung mit der Polizei erst recht nicht entgehen lassen:

Die Anmeldung zu einer Nachtfahrt bei der Polizei

Die Möglichkeit einer Nachtfahrt wird grundsätzlich über die jeweilige Staatsanwaltschaft angeboten. Unsere AG hat sich deshalb zunächst an den hierfür zuständigen Staatsanwalt gewandt, der uns einen Kontakt zur der Abteilung „Aus- und Fortbildung“ beim hiesigen Polizeipräsidium herstellte. Die dortige Sachbearbeiterin benötigte für die Anmeldung von den Interessierten zunächst eine Namensliste mitsamt Adresse, Geburtsdatum, E-Mail sowie Handynummer. Nur ein paar Tage nach Übermittlung dieser Liste erhielten die AG-Sprecher eine E-Mail von der Sachbearbeiterin, dass eine Zuweisung zu den Nachtfahrten nun möglich sei und die Interessierten sich deshalb bei ihr unter der angegebenen Nummer könnten. Mein Telefonat mit der Dame war sehr angenehm und unkompliziert. Zum kurzen Informationsaustausch gehörte insbesondere die Angabe von Wunschterminen und Wunschbezirk. Die Sachbearbeiterin versprach mir, sie werde sich schnellstmöglich um einen Termin bemühen. Und so war es dann auch, schon am nächsten Tag bekam ich die Rückmeldung, dass ich am 27.01.2018 von 19 bis 6 Uhr meine Nachtfahrt beim 2. Polizeirevier Wiesbaden – mein Zweitwunsch bezüglich des Bezirks – absolvieren dürfe. Eine entsprechende Bestätigungs-E-Mail folgte nur wenige Minuten später.

Meine Nachtfahrt beim 2. Polizeirevier Wiesbaden

Ich habe meinen Dienst um 18:45 Uhr angetreten, damit ich vor dem offiziellen Dienstantritt zunächst – wie auch in der E-Mail angekündigt – ein Einführungsgespräch mit dem Dienstgruppenleiter führen konnte. Im Rahmen dessen bekam ich auch eine schusssichere Weste für den Dienst. Da der Eigenschutz stets groß geschrieben wird, die Weste damit unumgänglich ist, empfiehlt es sich, die Nachtfahrt mit legerer Kleidung anzutreten. Ich habe mich daher – auch nach vorheriger Rücksprache mit meiner Einzelausbilderin – gegen den Anzug und für den Pullover mit Jeans entschieden. Wie sich zeigte: eine gute Wahl.

Nach dem Einführungsgespräch fand ein kurzer Rundgang durch das Revier statt, bevor mir auf einer großen Karte das Einsatzgebiet des 2. Polizeireviers Wiesbaden und die typischen Problemzonen gezeigt wurden. Shocking Fact: Das 2. Polizeirevier Wiesbaden umfasst die Stadtteile Mainz-Kastel, Mainz-Kostheim und Delkenheim. Es ist damit für knapp 90.000 Einwohner zuständig. Die Nachtdienste werden allerdings regelmäßig von nur vier Polizisten, mithin zwei Streifen, bewältigt und das, obwohl sich im Bezirk ein großer und recht angesagter Club befindet, bei dem die Polizei häufiger vorbeischauen muss.

Meine Nachtfahrt begann jedoch ruhiger als gedacht: da keine Notrufe eingingen, blieben meine Kollegen und ich zunächst auf dem Revier und schauten Bundesliga. Erst gegen 20:00 Uhr ging es dann raus zur Streife:

Unser erster Halt war ein Beschuldigter, der eine Fahrerflucht begangen haben soll. Der Beschuldigte gab in gebrochenem Deutsch auch einen Zusammenstoß beim Ausparken zu. Zu einem Schaden soll es aber gerade nicht gekommen sein, weshalb er weggefahren sei. Er wurde daraufhin zunächst belehrt und sodann aufgeklärt, wie man sich in einer solchen Situation eigentlich verhalten sollte. Nachdem wir noch einige Beweisfotos von dem Pkw des Beschuldigten gemacht hatten, ging es wieder auf Streife.

Und nun war es endlich soweit: Alarm für Nero 12 – der Rufname des 2. Polizeireviers Wiesbaden. Auf der Autobahn drängelte ein BMW mehrere Verkehrsteilnehmer, überholte waghalsig und fuhr dabei Schlangenlinien. Deshalb düsten wir mit Blaulicht und Sirene auf die Autobahn – im gleichen Tempo stieg auch mein Adrenalinspiegel an. Doch so plötzlich wie die Sache rein kam, war sie auch wieder zu Ende: Über Funk erhielten wir die Information, dass der BMW auf eine andere Autobahn in eine uns entgegengesetzte Richtung gewechselt habe und deshalb die Kollegen sich dieser Sache annehmen würden. Schade!

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Im Anschluss dessen fuhren wir knapp eineinhalb Stunden Streife durch das Revier. Mit Ausnahme einer Kfz-Kontrolle aufgrund der Rücklichter passierte jedoch nicht wirklich etwas, weshalb wir gegen 22 Uhr wieder zurück zum Revier sind, wo der eine Kollege den Bericht bzgl. der Unfallflucht schrieb, während ich mich im Sozialraum ausruhte.

Nach knapp einer Stunde kam ein Notruf aus der Hauptzentrale – Blaulichteinsatz: Messerstecherei zwischen zwei Personengruppen in der Nähe eines Parks. Während der Fahrt zum Park wurde der Sachverhalt etwas konkreter. Eine rund 15 Personen große Gruppe von jungen Erwachsenen soll zwei andere Personen mit einem Messer attackiert haben. Das Opfer wurde dabei knapp oberhalb des Auges, das andere Opfer am Steiß verletzt. Nach diesem Übergriff soll sich die Gruppe aufgelöst haben und durch den Park abgehauen sein. Die Einsatzkräfte sicherten daher die Ausgänge, zwei Streifen kontrollierten den Park. Leider durfte Nero 12 nur einen der Eingänge zum Park sichern. Nachdem auch nach 45 Minuten nichts Auffälliges passierte, wurde die Sache schließlich abgebrochen. Schade #2! Zumindest konnten aber zwei mutmaßliche Täter festgenommen werden.

Im Anschluss dessen fuhren wir wieder Streife durch unseren Bezirk, genauso ereignislos wie zuvor. Deshalb sind wir gegen 1 Uhr wieder zurück zur Wache – enttäuschend.

Nach knapp zwei Stunden purer Ereignislosigkeit auf der Wache ging es wieder auf die Straße. Alle guten Dinge sind drei. Jetzt muss doch einmal was passieren… Mit diesem Gedanken ging es zu dem besagten Club. Auf dem Weg dorthin sahen wir eine junge Dame auf der Straße. Wir ermahnten sie, sie solle gefälligst den Gehweg nutzen, der gerade einmal einen Meter weiter neben ihr war. In ihrer Trunkenheit bellte sie etwas in einem doch aggressiveren Ton zurück. Dennoch begab sie sich gehorsam zum Gehweg, weshalb wir es bei dieser mündlichen Ermahnung belassen haben.

Der Club war auch um 3 Uhr morgens noch brechend voll, auffällig war hingegen nichts. Meine Enttäuschung wurde dementsprechend größer, insbesondere da einer meiner Referendarskollegen einmal zu mir meinte, er sei bei seiner Nachtfahrt rund um die Uhr unterwegs gewesen, von einem Einsatz zum Nächsten. Wieso kann ich nicht so ein Glück haben? Doch die Hoffnung stirbt zuletzt: Gegen 3:30 Uhr erhielten wir die Nachricht, dass im Altersheim eine Körperverletzung begangen wurde. Leicht verwundert hierüber fuhren wir zum Tatort, wo uns furchtbares erwartete: Eine Seniorin bekam quasi im Schlaf von einem ihr unbekannten Senior mit einem Gehstock einen Schlag aufs Auge, welches direkt dick zu schwoll und blau wurde. Die Schwestern berichteten uns, dass dies auch nicht der erste Vorfall mit dem dementen Senior gewesen sei, der aufgrund seiner Aggressionen bis vor kurzem noch in der geschlossenen Anstalt saß. Wenn das Aggressionsproblem weiterhin besteht, warum entlässt man ihn dann aus der geschlossenen Anstalt?

Vom Altersheim ging es dann zur Tankstelle, wo eine Auseinandersetzung zwischen zwei Rumänen stattfand. Beide waren der deutschen Sprache nicht mächtig, sodass unklar blieb, was genau vorgefallen war. Der Tankstellenbetreiber konnte ebenso keine Auskünfte geben. Daraufhin klärten wir mit Google-Translator zunächst, ob Strafanträge gestellt werden sollen. Die beiden Streithähne schüttelten aber nur die Köpfe. Damit erteilten wir den beiden einen Platzverweis, bevor es für uns wieder auf Streife ging.

Keine Minute später erhielten wir die Nachricht, ein Mann habe seine Freundin geschlagen. Beide seien derzeit auf dem Weg zur Wohnung des Mannes, man solle die beiden vorher abfangen. Die Welt ist ein Dorf. Die vermeintlich geschlagene Freundin war die Dame, die wir von der Straße scheuchen mussten. Wir unterhielten uns dennoch zunächst mit dem mutmaßlichen Täter. Er war zwar stark betrunken, schilderte den Sachverhalt aber klar. Er gab an, dass seine nun Ex-Freundin wegen einer Lappalie ausgerastet sei und ihn deshalb attackiert habe. Einen Strafantrag wollte er jedoch nicht stellen. Seine Ausführungen passten jedoch zu unserem ersten Eindruck von der Dame, weshalb wir sie vorsorglich darüber belehrten, dass auch eine falsche Verdächtigung strafbar sei. Die ebenso stark angetrunkene Dame fasste dies als Angriff auf und war deshalb wenig kooperativ: Den Strafantrag, den sie zunächst stellen wollte, wollte sie plötzlich nicht mehr unterschreiben. Dafür blökte sie herum, dass wir sie wie eine Kriminelle behandeln und ihr nicht glauben würden. Dabei habe sie doch so große Schmerzen am Bein, auf das der mutmaßliche Täter mehrfach geschlagen – dann doch getreten – schließlich doch nur geschlagen – haben soll. Einen RTW sollten wir aber trotz der Schmerzen nicht herbeirufen. Nach einer kurzen Weile meinte die Dame, sie werde nun gehen und zog damit von dannen.

Wir begaben uns daraufhin wieder zum Club. Dort war es jedoch nach wie vor ruhig. Da es mittlerweile kurz vor 5:30 Uhr war, machten wir uns nun auf den Weg zurück zur Dienststelle. Meine beiden Kollegen wollten die letzte halbe Stunde dazu nutzen, um die Berichte zu schreiben, damit sie pünktlich Feierabend machen können. Im Revier angekommen, wurden wir aber gleich nochmal zu einer Ruhestörung geschickt. Diese Sache ließ sich aber schnell und leicht klären, sodass wir wieder gegen 5:50 Uhr auf der Wache waren. Während ich nun pünktlich Dienstschluss machen durfte, mussten meine beiden Kollegen noch die Berichte anfertigen.

Fazit: ‚Alarm für Cobra 11‘-Feeling ist Glücksache, dennoch lohnt sich eine Nachtfahrt allemal

Mein Referendarkollege hatte unglaublich viel Glück, dass er bei seiner Nachtfahrt von einen Einsatz zum Nächsten durfte und dementsprechend viel erlebt hat. Allerdings ist in der Wiesbadener Innenstadt quasi immer etwas los, während Club-Abende in Mainz-Kastel auch eher ruhig verlaufen können. Dennoch passiert selbst an ruhigeren Nächten zumindest immer etwas. Und auch kleinere Vorfälle sind stets eine Erfahrung wert. Allein deshalb rate ich jedem – auch nicht Strafrecht-begeisterten Personen – zu der Nachtfahrt, insbesondere weil sich so eine Möglichkeit nicht nochmal so einfach auftun wird. Strafrechtler profitieren aber sicherlich besonders von den nützlichen Einblicken in die Praxis. Dennoch muss man sich auch vor Augen halten, dass die Nachtfahrt keine Vorteile für das Examen mit sich bringt.

Falls du noch mehr zum Thema Nachtfahrt während des Referendariats lesen möchtest, hier gibt es einen spannenden Erfahrungsbericht von Birthe Mack. Sie war ebenfalls mit der Polizei unterwegs und erlebte das volle Programm – inklusive Einbruch, Schlägerei und Leichenschau!

– Sebastian Klingenberg, Referendar und Doktorand aus Hessen

 

Weitere Veröffentlichungen von Sebastian sind hier und auf seinem Facebook-Blog zu finden.

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