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Meine Anwaltsstation während der Corona-Zeit

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Meine Anwaltsstation während der Corona-Zeit

Die Anwaltsstation umfasst in Berlin neun Monate. Sie besteht – wie alle anderen Stationen bisher auch – aus einem Theorieteil (Arbeitsgemeinschaft) und einem Praxisteil (Anwalt).

 

Wie ist der Theorieteil strukturiert?

Die theoretische Ausbildung ist in fünf Abschnitte eingeteilt. Die ersten drei Abschnitte bestehen aus den drei Rechtsgebieten Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht. Diese drei Abschnitte sind wiederum unterteilt in einen Einführungslehrgang und die Arbeitsgemeinschaft (AG) an sich.

Der Einführungslehrgang dauert jeweils eine Woche. In dieser gibt es jeweils drei Termine à 3,5 Stunden. Ein Jurist mit entsprechendem Wissen erklärt in dieser Zeit das grundlegende Wissen, welches für die Station, die Klausuren und die anwaltliche Tätigkeit im jeweiligen Bereich gebraucht wird.

Die Arbeitsgemeinschaft wird dann von einem anderen Juristen abgehalten. In der AG geht es in die Tiefe und es werden vor allem Klausuren besprochen. Außerdem werden in der Arbeitsgemeinschaft, die jeweils über sechs Wochen geht, jeweils zwei Klausuren geschrieben.

Dann sind auch schon die ersten fünf Monate um. In den nächsten acht Wochen findet ein Klausurenkurs statt. Dieser besteht aus jeweils vier Klausuren im Zivilrecht, Strafrecht und Öffentlichen Recht. Diese zwölf Klausuren sind in zwei Blöcke eingeteilt, es werden also zwei Mal sechs Klausuren geschrieben, um die Examensbedingungen möglichst gut nachzustellen. Die geschriebenen Klausuren werden bewertet und benotet.

Im letzten Monat der Anwaltsstation wird dann das Examen geschrieben.

 

Welche Inhalte erlernt man in der theoretischen Ausbildung?

 

Zivilrecht

Im Einführungslehrgang Zivilrecht beschäftigten wir uns zunächst mit den Grundlagen zur Mandatsübernahme: Es ging um den Anwaltsvertrag, die Vollmacht, notwendige Unterlagen, Berufsrecht, Vergütung, den Rechten und Pflichten eines Rechtsanwalts und die außergerichtliche Streitbeilegung. Außerdem lernten wir etwas über die Rolle des Anwalts in den verschiedenen Stadien des Zivilprozesses. Danach ging es um die Klausuren, die uns aus anwaltlicher Sicht im Examen erwarten. Im Zivilrecht können Klausuren aus Kläger- und Beklagtensicht drankommen. Wir beschäftigten uns mit dem Aufbau und den Inhalten der Klausurtypen. Uns wurde erklärt, wie wir das Mandantenbegehren ermitteln und auslegen, wie wir das materielle und prozessuale Gutachten anfertigen und was wir in den Zweckmäßigkeitserwägungen schreiben sollen. Außerdem lernten wir, wie man eine Klageschrift anfertigt, einen Einspruch gegen Versäumnisurteile erhebt, die Zulässigkeit und Begründetheit einer Klage prüft, die Voraussetzungen einer Widerklage und der Klageerwiderung.

In der Arbeitsgemeinschaft haben wir in jedem Termin eine Klausur besprochen. Dabei handelte es sich immer um echte Examensklausuren. Anhand der Klausuren haben wir unser Wissen aus dem Einführungslehrgang wiederholt und vertieft.

 

Strafrecht

Im Einführungslehrgang Strafrecht haben wir über die drei verschiedenen Klausurtypen (Revision, Plädoyer, Schriftsatz) gesprochen. Außerdem wurden uns die zentralen Rechte der Verteidigung im Ermittlungsverfahren und in der Hauptverhandlung erklärt, genauso wie die Grenzen des zulässigen Verteidigerverhaltens. Schließlich haben wir noch über das Berufsrecht gesprochen, Beweisverwertungsverbote und die Untersuchungshaft.

In der AG haben wir das Strafbefehlsverfahren und den Einspruch gegen den Strafbefehl besprochen. Ansonsten ging es vor allem darum, Fälle zu lösen. Wir haben in jedem Termin eine Altklausur gelöst.

 

Verwaltungsrecht

Zuletzt ging es dann im Einführungslehrgang Verwaltungsrecht erst einmal allgemein um die Klausurbearbeitung und sodann um Schriftsätze an das Gericht. Am zweiten Tag haben wir einen Fall besprochen, in dem wir den Aufbau einer verwaltungsrechtlichen Klausur wiederholten und uns mit dem Mandantenbegehren und dem einstweiligen Rechtsschutz befassten, sowie mit Klausur- und Anwaltstaktiken. Am letzten Tag sprachen wir über prozessuale Themen wie Beweisanträge, Akteneinsicht und den Verwaltungsrechtsstreit im Allgemeinen.

Auch in der AG Verwaltungsrecht, in der ich mich gerade befinde, geht es vor allem um die Besprechung von Altklausuren.

 

Was lernt man in der Praxisausbildung?

In der Praxisausbildung können wir – bestenfalls – unser gelerntes Wissen in die Praxis umsetzen und Einblicke in die Arbeitsweise von Rechtsanwälten bekommen. Da die Station über neun Monate geht, ist es durchaus möglich, viele Eindrücke und Erfahrungen in dieser Zeit zu sammeln.

Die Ausbildung muss in einer Rechtsanwaltskanzlei oder einer anderen rechtsberatenden Stelle erfolgen und der Ausbilder muss Volljurist sein.

In Berlin ist es möglich, die Anwaltsstation auf mehrere Ausbilder aufzuteilen: 3+6, 3+3+3 oder 4+5 Monate. Außerdem können 3 Monate der Anwaltsstation bei einem Ausbilder außerhalb von Berlin, sowohl in Deutschland als auch im Ausland, verbracht werden.

Die konkret zu erledigenden Tätigkeiten hängen natürlich von der Ausbildungsstätte ab – vor allem von deren Rechtsgebiet und dem Engagement der Ausbilder. Ich habe die ersten vier Monate meiner Anwaltsstation in einer Kanzlei für Familienrecht verbracht. Im Familienrecht gibt es viele prozessuale Besonderheiten, wie ich gelernt habe, sodass dieses Rechtsgebiet für die Examensvorbereitung nur bedingt geeignet war. Dennoch fand ich es sehr interessant und immerhin sollen wir durch die Stationsausbildung auch herausfinden, ob wir uns den entsprechenden Beruf bzw. das Rechtsgebiet auch für unseren eigenen Berufsweg vorstellen können und ich habe für diesen schon mal gute Eindrücke gewinnen können.

Ich habe eine Klageschrift angefertigt – die Klage heißt im Familienrecht übrigens Antrag – und war bei einer Gerichtsverhandlung dabei. Außerdem habe ich verschiedene Recherchen durchgeführt und habe Einblicke in viele Akten bekommen. Meine Ausbilderin hat sich dankenswerterweise viel Zeit für die Besprechung der Aufgaben und Lösungen genommen.

 

Wie beeinflusst Corona die Ausbildung?

Durch das Corona-Virus findet die Anwaltsstation in der theoretischen Ausbildung komplett digital über Videotelefonie statt. Dies erspart uns viele Fahrtwege und damit auch Zeit, ist auf der anderen Seite aber auch viel unpersönlicher. Ich habe meine AG-Kollegen schon vier Monate nicht mehr gesehen. Auch fällt die Motivation etwas schwerer, weil man weniger kontrolliert wird und noch selbstständiger arbeiten muss. Aber immerhin finden die AG-Termine überhaupt statt und die Ausbilder geben sich wirklich viel Mühe, uns trotz der Umstände möglichst viel Wissen zu vermitteln. Auch die Übungsklausuren können wir schreiben. Entweder am Laptop oder wir scannen unsere handschriftlichen Ausarbeitungen ein.

 

Fazit

Die Anwaltsstation ist die mit Abstand längste Station, in der in den Arbeitsgemeinschaften viel Wissen wiederholt und aufgefrischt wird, aber auch viel neues Wissen dazukommt. Durch das Corona-Virus findet leider alles digital statt, was etwas schade ist, aber besser als keine Ausbildung, denn das Examen rückt immer näher!

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