
Lohnt sich die Teilnahme an einem Moot Court?
Wenn du Jura studierst oder dich generell für die rechtswissenschaftliche Ausbildung interessiert, bist du sicher schonmal auf dieses Wort gestoßen: Moot Court.
Während sich einige Studierende wochen- oder monatelang mit der Vorbereitung und Durchführung von Moot Courts beschäftigen und regelrecht dafür brennen, kommen andere während ihres gesamten Studiums kaum mit diesem Format in Berührung. Dabei wächst das Angebot an Moot Courts stetig und eröffnet vielfältige Möglichkeiten, juristische Kenntnisse praktisch anzuwenden.
Moot Court – Was ist das?
Grundsätzlich handelt es sich bei einem Moot Court um eine simulierte Gerichtsverhandlung, bei der Studierende unterschiedliche Rollen übernehmen und einen vorgegebenen Fall bearbeiten. Ziel ist es, sie bereits während des Studiums auf die Abläufe und Anforderungen gerichtlicher Verfahren vorzubereiten. Je nach Ausgestaltung des Moot Courts werden beispielsweise die Positionen der Staatsanwaltschaft, der Verteidigung und des Gerichts durch Studierende besetzt. Gerade im Strafrecht lassen sich unterschiedliche gerichtliche Besetzungen simulieren, etwa die eines Strafrichters gemäß § 25 GVG oder die eines Schöffengerichts nach §§ 28 ff. GVG.
Moot Courts können im Rahmen universitärer Lehrveranstaltungen stattfinden oder als eigenständige Wettbewerbe organisiert werden. Insbesondere in den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche renommierte Wettbewerbe etabliert, darunter auch internationale Formate. Studierende verschiedener Universitäten und Länder treten dabei gegeneinander an und können sich mit ihren Leistungen für die nächste Wettbewerbsrunde qualifizieren oder Preise gewinnen. Anders als bei einer klassischen simulierten Gerichtsverhandlung übernehmen die Studierenden bei solchen Wettbewerben häufig nicht selbst die Rolle des Gerichts. Stattdessen bewertet eine Jury oder ein Richter die Leistungen der konkurrierenden Teams und bestimmt, welches Team die überzeugendere Argumentation präsentiert hat.
JurCase informiert:
Nahezu jede Fakultät stellt für nationale und internationale Moot Court Wettbewerbe ein Team auf. Bei Interesse kannst du an deiner Fakultät, beispielweise auf deren Website nähere Infos zur Teilnahme bekommen. Auch während der Pandemie finden viele Moot Court Wettbewerbe online statt.
Die Teilnehmenden eines Moot Courts schließen sich dafür mit einer Partnerin oder einem Partner beziehungsweise einer kleinen Gruppe zusammen und erhalten einen Sachverhalt, den sie gemeinsam vorbereiten sollen. Dazu gehört auch, einen Schriftsatz für die geplante mündliche Verhandlung zu erstellen. Doch die Qualität dieses Schriftsatzes, der sowohl die Verhandlungsstrategie als auch das Plädoyer umfasst, ist noch keine Garantie für einen Sieg. Ziel ist es vielmehr, die gegnerische Partei durch überzeugende Argumentation und Rhetorik zu übertreffen und die Richter sowie die übrigen Anwesenden im simulierten Gerichtssaal für sich zu gewinnen. Wenn du daher lediglich einen Schriftsatz vorliest, wirst du wahrscheinlich niemanden überzeugen. Bedenke, dass auch die gegnerische Partei Monate in die Vorbereitung investiert hat! Entscheidend ist deshalb die mündliche Verhandlung: Hier muss die Strategie sitzen, denn nur die dort erbrachte Leistung fließt in die abschließende Bewertung ein.
Internationale Wettbewerbe mit nationalem Rechtssystem?
Neben Moot Courts, die sich am deutschen Rechtssystem orientieren, gibt es auch Formate, die auf anderen Rechtsordnungen beruhen. Besonders bekannt sind Wettbewerbe mit Bezug zum angloamerikanischen Recht. Bei strafrechtlichen Simulationen nach US-amerikanischem Vorbild kann beispielsweise eine Jury über Schuld oder Nichtschuld der angeklagten Person entscheiden. Je nach Veranstaltung übernehmen Studierende auch diese Rolle, sodass möglichst viele Teilnehmende in die Verhandlung eingebunden werden.
JurCase informiert:
Die sogenannte Jury wird im anglo-amerikanischen System in Strafverfahren eingesetzt und wird dabei nach gewissen Kriterien zufällig ausgewählt, um einen möglichst neutralen Durschnitt der Gesellschaftdarstellen zu können. Die Jury entscheidet nach Verhandlung in Strafsachen über schuldig und unschuldig, das Strafmaß bleibt allerdings dem Richter vorbehalten. In derartigen Verhandlungen nehmen die Rhetorik und das Auftreten der Anwälte daher eine erhöhte Wichtigkeit ein.
Solche Formate werden häufig auf Englisch durchgeführt. Dadurch setzt du dich nicht nur mit einer fremden Rechtsordnung auseinander, sondern kannst zugleich deine juristischen Sprachkenntnisse verbessern und gegebenenfalls einen Fremdsprachennachweis erwerben. Vor allem aber sammelst du wertvolle praktische Erfahrungen: Du lernst, rechtliche Argumente zu entwickeln, sie überzeugend vorzutragen und auf Gegenargumente sowie kritische Nachfragen zu reagieren. Fähigkeiten, die im Grundstudium häufig noch zu kurz kommen, lassen sich so gezielt trainieren.
Ist der Moot Court durchweg positiv?
Allerdings darfst du den zeitlichen und fachlichen Aufwand nicht unterschätzen. Die Vorbereitung kann mehrere Monate dauern. Gemeinsam mit deinem Team oder einer Partner erarbeitest du die Schriftsätze und bereitest dich intensiv auf die mündliche Verhandlung vor. Die Sachverhalte sind häufig umfangreich und komplex. Gerade zu Beginn des Studiums kann es deshalb passieren, dass du dich von der Materie zunächst überfordert fühlst. Bei Moot Courts, die auf einer fremden Rechtsordnung beruhen, kommt hinzu, dass du dich mit Rechtsgebieten und rechtlichen Konzepten auseinandersetzen musst, die für das Erste Staatsexamen möglicherweise nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielen. Gleichzeitig läuft die Vorbereitung neben dem regulären Studium, während des Semesters oder parallel zu Hausarbeiten.
JurCase informiert:
An immer mehr Fakultäten kannst du die Teilnahme an einem Moot Court Programm allerdings in Bezug auf die Freiversuch-Regelung als Freisemester anrechnen lassen, sodass dir zumindest hier kein Semester verloren geht.
Diese intensive Beschäftigung mit unbekannten Themen solltest du jedoch vor allem als Chance begreifen. Auch im späteren Berufsleben wirst du dich immer wieder in neue Rechtsgebiete und komplexe Sachverhalte einarbeiten müssen. Dass immer mehr Fakultäten Moot Courts unterstützen und teilweise als Studienleistung anerkennen, unterstreicht zudem den Stellenwert praxisnaher Ausbildung. Ob im Referendariat, im späteren Berufsalltag oder in der mündlichen Prüfung: Die Fähigkeit, rechtliche Probleme zu erfassen, das Recht sicher anzuwenden und die eigenen Argumente überzeugend zu präsentieren, ist von großer Bedeutung. Ein Moot Court bietet dir die Gelegenheit, diese Fähigkeiten bereits frühzeitig zu entwickeln.
Darüber hinaus kannst du herausfinden, ob dir die anwaltliche Tätigkeit und insbesondere die Vertretung unterschiedlicher Interessen vor Gericht liegen. Lass dich deshalb auch dann nicht von einer Teilnahme abschrecken, wenn du gerade erst mit dem Studium begonnen hast.
Mein Tipp: Über deine Fachschaft oder Fakultät findest du vielleicht eine:n Partner:in aus einem höheren Semester, der oder die dich bei schwierigen Rechtsfragen unterstützen kann. Das hat mir bei meiner eigenen Teilnahme am Moot Court sehr geholfen!
Fazit
Natürlich bringt ein Moot Court intensive Arbeit und Vorbereitung mit sich. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass die Vorbereitung auch während des Studiums zu bewältigen ist. Neben der Anwendung des im Grundstudium trockenen Stoffes und der Erlangung einer Qualifikation, welche sogar im Arbeitsleben hilfreich sein kann, lernst du über den Moot Court auch neue Leute aus deinem Studiengang kennen und wächst an der neuen Herausforderung nicht zuletzt als Mensch. Die lange Vorbereitung wird sich in der Verhandlung daher ganz sicher auszahlen, sogar wenn du die erste Verhandlung verlierst. Daher bleibt mir nicht viel mehr zu sagen als:
Viel Spaß bei deinem ersten Moot Court!
JurCase informiert:
Vielleicht interessiert dich im Zusammenhang mit Moot Courts auch der Erfahrungsbericht von Charlotte über ihren universitätsinternen Investment Arbitration Moot Court an der School of Law der University of Glasgow (GU).