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AllgemeinGewusst

Schlüsselqualifikation: Gesundheitszertifikat

Wie wichtig ist das „Über-den-Tellerrand-Schauen?

Du kommst frisch aus der Schule und rein in die Universität. Viele von uns haben noch nicht viele andere Sachen kennengelernt oder gar bereits eine Ausbildung gemacht und in die wirkliche Welt hinausgeblickt. Dann durchläufst du das Studium, wann welche Vorlesungen zu besuchen sind, ist festgelegt. Da bleibt nicht viel Platz für die eigene persönliche oder fachliche Entwicklung, oder doch? Wo liegen deine Interessen? Was bewegt dich? Worüber möchtest du mehr erfahren als das, was der Professor dir während den Pflichtvorlesungen vermitteln kann?

Ich habe bereits vor dem Studium vermutet, dass meine Interessen im Bereich des Strafrechts liegen werden. Dir ging es am Anfang vielleicht ähnlich. Auch viele Nicht-Juristen zieht es schließlich zu einem Kriminalroman und Generationen sitzen jeden Sonntagabend vor dem Fernseher, um sich mit Tod und Kriminalität zu beschäftigen. Allerdings gibt es auch viele andere Aspekte des Rechts, die während der Pflichtvorlesungen nicht gelehrt werden (können). Während ich mein Wahlpraktikum in einem Pharmakonzern absolvierte, flackerte ein Interesse an Medizinrecht in mir auf und ich wollte meinen Schwerpunkt in „Kriminalwissenschaften“ gerne mit medizinrechtlichen Vorlesungen ergänzen.

JurCase informiert:

Einen medizinrechtlichen Schwerpunkt bieten nur wenige Universitäten an. In Hessen kann man an der Philipps-Universität in Marburg den Schwerpunkt „Medizin- und Pharmarecht“ wählen.

An der Justus-Liebig-Universität in Gießen bestand das Angebot, vier Vorlesungen zu besuchen, um einen Einblick in das Gesundheitsrecht zu bekommen und ein sog. „Gesundheitszertifikat“ zu erwerben. Das hörte sich erst mal spektakulär an. Tatsächlich gab es aber keine Prüfungen, es handelte sich um sog. „Sitzscheine“, d.h. es herrschte Anwesenheitspflicht und man musste nach den Vorlesungen unterschreiben, dass man da war. Das klang für mich nach einer guten Möglichkeit, mein Wissen in dieser Hinsicht zu erweitern, ohne Abstriche bei den Pflichtvorlesungen machen zu müssen. Die vier Fächer, die besucht werden mussten, um das Zertifikat zu erlangen waren Öffentliches Gesundheitsrecht, Arztvertrags- und Arzthaftungsrecht, Medizinstrafrecht und Rechtsmedizin.

Öffentliches Gesundheitsrecht

Im Öffentlichen Gesundheitsrecht werden sowohl verfassungsrechtliche als auch unions- und völkerrechtliche Regelungen zum Gesundheitsrecht besprochen. Dabei werden die Bezüge des Gesundheitsrechts zum Wirtschaftsverwaltungs- und Sozialrecht untersucht. Auf die Regelungen der gesetzlichen Krankenversicherung (gKV) wird Bezug genommen und Abgrenzungen zu Privaten Versicherungen werden gezogen. Außerdem wird auf ethische Aspekte eingegangen. So wird aktuell mit Blick auf die Corona-Pandemie die Impfpflicht thematisiert.

Arztvertrags- und Arzthaftungsrecht

Diese Vorlesung soll einen Überblick über das zivilrechtliche Medizinrecht schaffen. Insbesondere die Konsequenzen von Aufklärungs- oder Behandlungsfehlern durch Ärzte werden hier diskutiert. Auch wird über die Beweisführung in solchen Fällen gesprochen und es werden Möglichkeiten diskutiert, diese zu erleichtern. Außerdem bespricht man, welche Möglichkeiten es sowohl außergerichtlich als auch im Rahmen eines Klageverfahrens im Nachhinein gibt, um als Patient Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

Medizinstrafrecht

Zunächst wird hierbei eine Abgrenzung zum Arzthaftungsrecht unternommen. Es wird insbesondere auf spezielle Konfliktthemen wie Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbrüche eingegangen. Aktuelle Fragen der Biomedizin werden besprochen, so etwa das Transplantationsrecht oder die Pränataldiagnostik. Auch über die rechtliche und tatsächliche Bedeutung einer Patientenverfügung wird geredet. Dabei wird stets Bezug auf tatsächliche Fälle genommen und Beispiele aus Deutschland oder europäischen Nachbarländern werden aufgezeigt, ebenso wie Vergleiche mit dem Recht in anderen Ländern stattfinden. Auch aktuelle Themen werden besprochen, im Moment wird damit auch eine Vorlesung dem Thema „Covid-19 und Triage“ gewidmet.

Rechtsmedizin

Diese Vorlesung wird von Rechtsmedizinern und nicht von Juristen gehalten. Dadurch entsteht eine ganz andere Dynamik in den Vorlesungen und man erhält Einblicke in die Arbeit eines Mediziners. Die Vorlesungen sind sehr nah an der Realität gehalten, es werden Fotos zu Lehrzwecken gezeigt und ungeschönte Verletzungen, die ein Mensch einem anderen zugefügt hat, besprochen; sowohl in ihrer Entstehung als auch in ihrer Auswirkung auf den Körper und das Leben des Opfers. Man erfährt, wie eine Leichenschau und eine Obduktion vonstatten geht und was eigentlich eine Untersuchung gem. § 81a und § 81c StGB ist. Verschiedene Verletzungsmuster werden analysiert, die etwa durch scharfe oder stumpfe Gewalt entstehen und welche Rückschlüsse daraus auf deren strafrechtliche Beurteilung geschlossen werden können. Tatorte werden gezeigt und Blutspritzer gedeutet. Es ist sehr interessant, wenn auch manchmal belastend. Ich erinnere mich, dass ich nach der Vorlesung, in der es um Kindesmissbrauch und -misshandlung ging, sehr bedrückt nach Hause gefahren bin. Aber auch diese Aspekte gehören in der Realität zum Strafrecht und man darf seine Augen nicht davor verschließen, welche Arbeit ein Rechtsmediziner Tag für Tag leistet, um zu ermöglichen, dass ein Täter gefasst werden kann und die Tat vor einem Strafgericht verhandelt werden kann. Manchmal ist das eben das Einzige, was für das Opfer noch getan werden kann.

Die Vorlesungen sind stets sowohl an Jurastudenten als auch an Medizinstudenten gerichtet. Dadurch ergeben sich ganz andere Argumentationsmuster, durch welche die Studenten nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen können. Ziel der Veranstaltung ist es, einen mehr auf die Einordnung von Fällen in der Praxis vorzubereiten. Als Student kennt man immer nur feststehende Sachverhalte, es war interessant, Zusammenhänge herstellen zu können und die andere Seite kennenzulernen.

Fazit

Es ist dabei sicherlich jedem selbst überlassen, wie tief er sich jeweils in die Materie einarbeitet und wie aufmerksam man die Vorlesungen verfolgt. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass man gerade auch bei Vorlesungen, die man belegt, ohne, dass sie zum Pflichtstoff gehören, mit ganzem Herzen dabei sein sollte. Ansonsten könnte man es sich auch sparen, oder? Im Nachhinein ist es schade, dass kein Leistungsnachweis erbracht wurde. Dies würde das Zertifikat meines Erachtens um einiges aufwerten. Auf der anderen Seite hat man so in diesen Vorlesungen stets etwas um seiner selbst willen gelernt und nicht nur um am Ende eine bestimmte Note zu erreichen, was auch von Vorteil sein kann.

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