ErfahrungsberichteFlaviaZivilstation

Meine erste Verhandlungsleitung

By 26. April 2017 No Comments

Referendare in der Zivilstation dürfen regelmäßig Beweisaufnahmen vornehmen und manchmal auch eine ganze Verhandlung unter Aufsicht ihres Ausbilders leiten.

Leider verlief meine erste Verhandlungsleitung sehr merkwürdig.

Der Sachverhalt war auch denkbar einfach:

Ein PKW-Kaufvertrag sollte, nachdem der Verkäufer im Vorprozess mit vertauschtem Rubrum unterlegen war, rückabgewickelt werden. Während der Kaufpreis bereits zurückgezahlt wurde, kam es bei der Rückgabe des PKW, die der Verkäufer jetzt einklagte, scheinbar zu Schwierigkeiten.

Nachdem mein Ausbilder die Anwesenden darüber informiert hatte, dass ich die Verhandlungsleitung übernehmen würde, stellte ich mich als Referendarin vor. Dann fasste ich den Sachverhalt kurz zusammen. Die Rechtslage war eigentlich unproblematisch. Deshalb schlug ich den Parteien vor, sich zu vergleichen und den PKW herauszugeben.

Darauf folgte folgendes Zwiegespräch:

 

Beklagtenvertreter: „Für uns ist das gar kein Problem, wir wollen das Auto nicht, wir geben es gerne heraus.“

Klägervertreter: „Ja, wir wollen das Auto, der Beklagte soll es herausgeben.“

Beklagtenvertreter: „Der Kläger will das Auto gar nicht zurücknehmen!“

Klägervertreter: „DER BEKLAGTE WILL DAS AUTO JA GAR NICHT HERAUSGEBEN!“

 

Das hatte ich mir anders vorgestellt. Ich dachte, in meiner ersten Verhandlung diskutieren wir über beweiserhebliche Tatsachen oder Rechtsfragen. Dementsprechend überfordert war ich auch mit dem kuriosen Gezanke der beiden Rechtsanwälte. Beide beachteten mich auch überhaupt nicht und sahen nur zu meinem Ausbilder, während sie sich gegenseitig Vorwürfe machten.

Mein Ausbilder hat dann die Sitzungsleitung wieder übernommen und den Parteien mehr oder weniger klargemacht, dass ein Gerichtssaal nicht die richtige Plattform für so etwas sei. Er hat es dann geschafft, die Parteien so zu vergleichen, dass der streitgegenständliche PKW noch innerhalb der nächsten Stunde herausgegeben werden sollte.

Fazit: Juristische Arbeitstechnik in der Zivilstation – 24 Euro; sich in einem kuriosen Prozess gegenüber streitenden Rechtsanwälten behaupten zu können – unbezahlbar.

 

Flavia, Referendarin aus Hessen