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Die Wahrheit über die Examensklausuren

By 28. Oktober 2020No Comments
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Die Wahrheit über die Examensklausuren

Die Examensklausuren stehen am Ende des Studiums und entscheiden darüber, ob die letzten fünf Jahre an der Universität einen glorreichen Abschluss finden oder man sie mit leeren Händen verlassen muss. Sechs Klausuren entscheiden über 70 Prozent der Gesamtnote. Oft werden diese Klausuren während des Studiums als Schreckgespenst und fast unüberwindbare Hürde dargestellt. Dies ist aber nicht der Fall, denn mit der richtigen Vorbereitung und starken Nerven sind die Klausuren zu bewältigen und sogar/obendrein mit Bravour zu meistern!

 

Alles oder nichts

Leider ist das System des juristischen Staatsexamens extrem hart. Alle Leistungen, die man während des Studiums erbringt, zählen nicht in die Examensnote hinein, anders als bei einem Bachelor-Studiengang. Alleine die sechs Examensklausuren entscheiden über das Bestehen oder Nichtbestehen eines fünfjährigen Studiums. Sie alleine bilden die Abschlussnote. Es ist also egal, ob man im Studium durchweg super Noten geschrieben hat, denn diese bringen am Ende nichts, wenn man die Examensklausuren nicht besteht. Schon lange wird angeregt, doch einen Bachelor in das Studium zu integrieren, den man mit Abschluss des Hauptstudiums oder Schwerpunktstudiums erwerben soll. Das aktuelle System erzeugt immensen Druck, denn wenn man das Staatsexamen zweimal (oder mit Freischuss dreimal) nicht besteht, darf man in Deutschland nicht mehr Jura studieren. Der letzte Weg geht dann in einen Bachelor Studiengang, in dem man sich hoffentlich einige Leistungen anrechnen kann, oder sogar ins Ausland. Meiner Meinung nach ist es auch nicht fair, nach fünf Jahren voller Klausuren, Hausarbeiten und Praktika alles von sechs Klausuren abhängig zu machen. Diese Klausuren können immer nur Momentaufnahmen sein, die nicht das wirkliche juristische Können der Verfassenden abzubilden vermögen. Gerade im ersten Staatsexamen wird viel auswendig gelernt, von Streitständen über Aufbauschemata zu Definitionen. Etwas auswendig zu lernen ist aber keine juristische Fähigkeit. Nicht wenige erleiden Sehnenscheidenentzündungen o. ä., weil sie stundenlang möglichst schnell und verkrampft schreiben. Warum Examensklausuren immer noch per Hand geschrieben werden müssen, leuchtet daher nicht wirklich ein. In Zeiten von beA, E-Akten und Sprach-Diktierfunktionen wird in der Praxis immer weniger von Hand geschrieben werden. Über das E-Examen wird heiß diskutiert und hoffentlich wird es in naher Zukunft auch eingeführt.

 

Was die Klausuren ausmacht

In meinen Augen sind die Klausuren des ersten Staatsexamens 1/3 Können, 1/3 Glück und 1/3 starke Nerven. Natürlich muss man lernen, damit man den Stoff beherrscht. Dass die Durchgänge an Klausuren in ihrem Schwierigkeitsgrad variieren ist jedoch durchaus bekannt. Durch mein Abschichten habe ich zwei Durchgänge an Klausuren miterlebt, die wirklich unterschiedlich schwer waren, daher kann ich diesen Umstand aus persönlicher Erfahrung bezeugen. Eine meiner Klausuren hat so tiefes Verständnis im Europarecht gefordert, dass dies meiner Meinung nach zu weit über den Prüfungsstoff hinausging. Meine Korrektoren haben diese Klausur dann als „mittelschwer“ gewertet. Gerade bei der Korrektur ist auch Glück im Spiel. Diese kann sehr unterschiedlich ausfallen. Manchmal schreiben sowohl der Erst- als auch der Zweitkorrektor lange Gutachten und schlüsseln ihre Bewertung genau auf. Manchmal wird vom zweiten Prüfer nur ein Satz ergänzt, dass er sich dem Urteil anschließt. Nach Abschluss des Staatsexamens kann man in diese Bewertungen Einsicht nehmen und somit habe ich gesehen, dass eine meiner Klausuren Streit ausgelöst hat! Der erste Korrektor bewertete sie mit fünf Punkten. Der zweite Korrektor mit 10 Punkten. Die beiden konnten sich nicht einigen, sodass ein dritter Korrektor entschied, dass es sieben Punkte seien. Hier gab es also drei Meinungen über ein und dieselbe Klausur, die von „ausreichend“ bis zu „vollbefriedigend“ und schließlich „befriedigend“ reichten. Das zeigt, dass andere Korrektoren dieselbe Klausur vielleicht anders bewertet hätten und man immer etwas Glück bei der Bewertung haben muss.

Zuletzt braucht man wirklich starke Nerven. Der oben genannte Druck sitzt einem nach mindestens einem Jahr Lernzeit im Nacken. Das Examen ist auch körperlich sehr fordernd. Sechsmal muss man fünf Stunden lang Höchstleistung erbringen. Für etwa zwei Wochen kann man an nichts anderes mehr denken, man kann weder entspannen noch ruhig schlafen. Diesen Druck aushalten zu können, sich durchgängig zu motivieren und auch am Ende auf einen Examenstermin festzulegen, erfordert Mut und heile Nerven. Viele verschieben ihren Examenstermin, weil sie zu viel Angst haben durchzufallen. Alleine das zeigt schon, wie wichtig die mentale Gesundheit für das Examen ist. Empfehlenswert sind Entspannungsübungen wie Meditation, Yoga oder autogenes Training zum Ausgleich!

 

Schreckgespenst Examensklausuren

Ich empfehle, sich wirklich einen passenden Ausgleich zu suchen, sei es Sport, Meditation oder eine Unternehmung mit Freunden (aber bitte nichts mit Verletzungsgefahr!). Man sollte sich bewusst machen, dass zwar das Examen extrem wichtig ist, allerdings auch nicht wichtiger als die eigene Gesundheit oder Familie. Das aktuelle System wird meiner Meinung nach zu Recht kritisiert, aber solange es sich nicht ändert, müssen wir bestmöglich damit umgehen!

 

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